Last updated: 15/03/10 [17:19:16] GMT


Supersonderspezial-Wochenendausgabe – Die Geschichte vom taoistischen närrischen Weisen (oder: über die Bedeutung von Yin und Yang)

[2009-07-02 06:10:00]

Ob es nun mit den Planeten, dem Schicksal oder damit zusammenhängt, dass es dem Tao zu langweilig wird – es gibt Zeiten, in denen einfach alles verrückt spielt – Ihr Körper, Ihr Verstand, die Technik, Ihr Arbeitspensum, Ihre Kommunikation mit der Außenwelt, Ihr Terminplan und/oder die gesamte Inszenierung Ihres Lebens – und es Ihnen dennoch auf wundersame Weise gelingt, so weitgehend Ihren Sinn für Humor zu behalten und darauf zu vertrauen, dass Sie in einem freundlichen Universum leben, dass Sie das ganze Chaos lachend überstehen. Vor ein paar Wochen, kurz bevor ich mich von Italien aus wieder auf den Weg nach Ibiza machte und nachdem ich gerade einen unschuldigen Sandsack mit einigen Hsing-Yi-Tritten in schneller Abfolge traktiert hatte, gratulierte ich mir nach dem letzten Tritt zu dieser Leistung und meiner für meine 54 Jahre recht beachtlichen Fitness. Zufrieden mit mir wanderte ich von dannen, stieß prompt mit meinem nacktem Fuß gegen einen dicken, rauen Ast, der wie eine Schlange verborgen im Gras lauerte und zog mir eine ordentliche Schnittwunde zu, die an der gesamten betroffenen Körperseite eine Schockwelle verursachte und für eine Störung des Energieflusses in den Meridianen sorgte. Nach einem Flug mit mehrfachem gepäckbeladenem Umsteigen trug ich dann noch galant wie ich bin einen 8-Liter-Pack Wasser auf dieser sowieso schon geschwächten Seite ein ziemlich weites Stück für jemanden, was wohl der Auslöser dafür war, dass bei meinen späteren Tai Chi-Übungen – die ich ironischerweise unternahm, um mein Chi wieder in Fluss zu bringen – eine alte Hüftverletzung wieder aufflammte, die ich vor 30 Jahren (interessanterweise) während einer fordernden Trittabfolge erlitten hatte. Das Ergebnis war, dass ich mir das Iliosakralgelenk ausrenkte und mich nur noch unter größten Schmerzen fortbewegen konnte. Ich machte also einen Termin bei einem mir empfohlenen Chiropraktiker und verbrachte eine halbe Stunde damit, auf eine selbst für 54 recht alt aussehende Weise in der brennenden Sonne humpelnd und schwitzend einen Weg hinter mich zu bringen, für den ich normalerweise 3 Minuten gebraucht hätte – vom Haus meines Freundes bis zu meinem Auto – nur um festzustellen, dass dieses gerade abgeschleppt worden war, weil es 5 cm über den Parkplatz herausragte. Ein weiterer Anruf wurde getätigt, andere Freunde kamen mich abholen, wir fuhren zur Verwahrstelle und ich zahlte brav 213 Euro, nur um festzustellen, dass die niederträchtigen Aktivitäten der behördlichen Autokidnapper dafür gesorgt hatten, dass dank der hoch komplizierten Elektronik des Autos ABS und ESP blockierten, so dass nun sowohl das Auto als auch ich festsaßen, beide für eine Weile unserer medialen Fähigkeiten beraubt. Nach weiteren sowohl körperlich als auch geistig recht fordernden 10 Minuten in sengender Hitze, während derer ich versuchte, den unfassbar komplexen Anleitungen in der Bedienungsanleitung zu folgen – nirgendwo wird einem gesagt, was man denn nun ganz praktisch tun soll – gelang es mir durch reinen Zufall, den Wagen wieder zum Laufen zu bringen. Mit 30 Minuten Verspätung kam ich beim Chiropraktiker an, fand in einigen Meilen Entfernung einen Parkplatz und stellte dann fest, dass der Chiropraktiker wohl die gleiche Schule besucht hatte wie die Verfasser der Bedienungsanleitung und die gewünschte Korrektur nicht vornehmen konnte. Der Schmerzpegel erreichte beim Verlassen der Praxis neue Höhen (meiner, seiner nicht, soweit ich weiß) und ich machte mich auf den Weg in die Berge, in der Hoffnung, dass ich die Hüfte vielleicht irgendwie durch meine eigenen Akupunkturkünste, reine Willenskraft und ein Flaschenzugsystem Marke Eigenbau selber wieder hinkriegen könnte. In jedem Fall hatte ich einen ganzen Tag damit verschwendet, nichts Produktiveres zu tun als Quasimodo zu imitieren und war mittlerweile zumindest mental an dem Punkt, mich nun endlich daransetzen zu wollen, ein Mammutprojekt für Nightingale Conant noch rechtzeitig vor Abgabetermin fertig zu stellen – nur um festzustellen, dass mein Aufnahmestudio aus unerfindlichen Gründen just diesen Moment gewählt hatte, um sich völlig aufzuhängen. Zu diesem Zeitpunkt war ich immer noch relativ gut gelaunt und wartete auf meinen Freund, den Technikguru vor Ort, der vorbeikommen und das Ganze wieder in Ordnung bringen wollte. Die Wartezeit, so dachte ich, könnte ich ja prima nutzen, um mit der Beantwortung der 343 Mails zu beginnen, die sich im Laufe des Tages angesammelt hatten. Aber auch dies blieb mir verwehrt, denn das Internet in meiner Bergregion wählte genau diesen Moment, um sich ebenfalls erst einmal zu verabschieden. Das war noch nicht alles, aber an irgendeinem Punkt wurde es so bizarr, dass man es gar nicht alles auf einen Schlag erzählen kann. Zwischenzeitlich – Gott sei Dank! – war irgendwann der Höhepunkt des karmischen Wahnsinns erreicht, und zwar etwa zu dem Zeitpunkt, als ich bei meiner Antwort auf die erste dringende Mail auf „Senden“ klickte und nichts passierte, was mich denn doch so langsam dazu brachte, ein wenig mit der Verzweiflung zu liebäugeln. Ich erinnere mich, dass ich daraufhin die althergebrachten Worte an das Tao richtete „OK, oh unfassbare Wesenheit, das Maß ist voll, kannst Du es bitte mal gut sein lassen?“ (oder wie mein Freund Danny immer kleinlaut sagt „Tao, ich tue mein Bestes, um Deine Arbeit zu tun – warum stehst Du mir im Weg?“ oder auch, wenn man wirklich die Faxen dicke hat „Verdammte Hacke, Tao, das kann doch wohl nicht Dein Ernst sein!“) und zwar so im Brustton der Überzeugung, dass es wusste, ich meine es ernst – weshalb es auch funktionierte und die Yang-Phase prompt anlief. Sofort regnete es gute Dinge vom Himmel inklusive umfassender Gesundheit für den guten Barfußdoktor, der sich derzeit so fit fühlt wie schon lange nicht mehr, und selbst die Technik benimmt sich derzeit einigermaßen (was das wirkliche Wunder ist).


Ich schlage Ihnen hiermit übrigens nicht vor, dass Sie sich als kunstvoll ausgearbeitete taoistische Übung in Selbstfolter etwas ähnliches antun, um den Wechsel von Yin und Yang voll schätzen zu lernen – im Gegenteil – aber sollten Sie jemals einen armen unschuldigen Sandsack treten, achten Sie auf jeden Fall auf dem Rückweg auf verborgen im Gras liegende Objekte, da ein zufälliges Zusammentreffen mit ihnen Konsequenzen für Ihre Person haben könnte, die weit über alles hinaus gehen, was sich Ihr Verstand derzeit vorstellen kann. Eigentlich geht es mir natürlich um das Wissen, dass auf eine Krise immer die Entspannung folgt, was Ihnen hoffentlich hilft, trotz aller Schmerzen zu lachen. Und dass, wenn Sie den Punkt erreichen, wo Sie langsam verzweifeln und dann eine von Herzen kommende Beschwerde an die Firmenzentrale richten, dies jedes Mal die Kehrtwende bringt. Haben Sie also Vertrauen, dass alles gut ausgehen wird, denn so wird es sein.


Ich hoffe, diese kleine Geschichte hat Ihnen gefallen.


Mögen Sie enormen Nutzen aus dieser Fabel über einen modernen taoistischen Narren ziehen und von jetzt bis zum Zeitpunkt, an dem wir uns nach dem Wochenende wieder sehen, mindestens dreimal aus vollem Bauch heraus lachen.


Alles Liebe, Doc


PS. Wenn Sie wissen möchten, wie ich die Hüfte denn nun geheilt habe – was von Nutzen sein kann, wenn Sie jemals irgendeinen Teil Ihrer selbst heilen möchten – lesen Sie die heutige DocBox für Mitglieder.  


Übersetzung Beate Brandt
beate@buch-auf-reisen.com


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